Im Kopf hat die Provinz nichts verloren

Hier finden Sie Texte von Autorinnen und Autoren, die bei "Literatur findet Land" zu Gast waren bzw. sein werden.

Erwin Einzinger

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Vom Erlebnisbauernhof zur Hardrockkneipe (2020, unveröffentlicht)


 

Zwei scharlachrote Hubschrauber über der Stadt – und 

Hinter einem eingestaubten Fenster sieht man eine alte hand= 

Bemalte Puppenküche, die jemand irgendwann am 

Dachboden eines Erlebnisbauernhofs gefunden und dann einem 

Ramschhändler verscherbelt hat. Im Persianermantel ihrer 

Oma eilt die Wirtschaftswissenschaftsstudentin Laura 

Zum Gemüsemarkt. Zeitmanagement. Börsendynamik. Zins= 

Verfall. Ständig tun sich Randgebiete auf, die sich ver= 

Zweigen und in irgendeinem Dickicht enden wie diverse 

Falldarstellungen und das dazugehörige Geplapper. 

Der junge Mario de Gaspari kommt frisch vom Müllsortierer= 

Kurs und gönnt sich eine warme Mohnkrone. Seine 

Halbschwester Lamberta arbeitet als Praktikantin im Turiner 

Sanitärwarenkonzern und zeichnet in der Freizeit Comics. 

Alle paar Wochen ändert sich jetzt der Bezugsrahmen 

Für eine Welt, deren Konturen ineinanderfließen. 

Ein Bergamasker Bio-Küchenguru legt sich halb im Spaß 

Mit einer resoluten Fernsehköchin an, die sich 

Sofort beleidigt fühlt und ihre Stacheln ausfährt. 

Die Tochter eines überaus beliebten Krimiserienschreibers will 

Laut Zeitungsinterview im Herbst mit ihrem Künstler= 

Freund durch die Ägäis schippern, und die neue 

Pächterin des Strickwarengeschäfts am Corso, eine sanfte 

Frau mit einer Papua-Frisur, lehnt an der Leichtmetall= 

Stehleiter und amüsiert sich sichtlich über eine Kundin, deren 

Alltag sich angeblich weitgehend an Daten aus dem 

Internationalen Rockkonzertkalender orientiert.

Irmgard Fuchs

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Kleine Lastentiere (Auszug aus: Wir zerschneiden die Schwerkraft, Kremayr & Scheriau, Wien, 2015) 

In meinem Kopf sage ich es mir vor: Ich liebe den Zirkus. Ich liebe den Zirkus, das Rattern des Stromgenerators und den Geruch nach Sägemehl. Ebenso wie die Zuckerwatte, die ich liebe, sofern sie weiß ist. Rosa geht auch, hellblau nicht. Dafür liebe ich aber den Blaustich der Energiesparlampen, die aufgeregt zu flackern beginnen, sobald der Zirkusdirektor spricht. „Der Zirkus ist nur so gut wie seine Zukunft“ ruft er ins Mikrofon und meint damit den Auftritt seiner achtjährigen Tochter, die kurz zuvor einen brennenden Hula-Hoop-Reifen um sich kreisen ließ. Gerade kann ich aber auch dafür Liebe aufbringen, nicht zuletzt, weil man aus Liebe alles besser erträgt. Und da, endlich, kündigt der Zirkusdirektor die einmaligen Künste der Seiltänzerin an, die sich allerdings als nicht mehr ganz schlanke, mittelalte Frau entpuppt. Ohne großen körperlichen Einsatz balanciert sie über ein viel zu niedrig gespanntes Seil und langweilt sich dabei recht offensichtlich. 

 

Gegen das Tatsächliche behaupte ich umso vehementer meine unerschütterliche Liebe: zum Zirkus und vor allem zum Leben, das eben manchmal anders ist, als man es sich ausgedacht hat. Dabei hatte ich es mir bis ins kleinste Detail vorgestellt, wie die Seiltänzerin mit ihrem fragilen Körper hoch oben in der Zirkuskuppel am unsichtbaren Seil schwebt. Sogar die Füße der Artistin hatte ich vor mir gesehen, wie sie vorsichtig über das Seil gleiten, als könnten sie den Abgrund unter sich spüren. Genau auf der Hälfte der Strecke war in meiner Vorstellung schließlich alles ins Schwanken geraten und ich hatte mir ein fatales Unglück erwartet. Eines, das erst im allerletzten Moment abgewendet werden hätte können. Ganz insgeheim hatte ich vielleicht sogar auf einen Sturz gehofft. 

 

Doch nichts passiert, das Publikum applaudiert, das blaue Licht tanzt dazu. Aus den kratzenden Lautsprechern, die die Zirkuskapelle ersetzen, ist ein Tusch zu hören, und die Seiltänzerin wird vom Clown abgelöst und ist gerettet. Breitbeinig steht er auf dem Boden, der voller Sägespäne ist, und macht unpassende Witze über seinen offensichtlich echten Alkoholismus, bevor er seine kleinen Assistenten ankündigt: vier kurzhaarige Shetlandponys mit Kopfschmuck, die in die Manege geführt werden. In diesem Augenblick stockt jedoch das Geräusch des Generators und es ist schlagartig finster. 

 

Im Dunkeln lasse ich für einen Moment meine Vorsätze los: Ich liebe nichts. Stattdessen nütze ich die Gelegenheit und erlebe für mich allein, wie die Seiltänzerin hoch oben das Gleichgewicht verliert und ich erschrocken den Blick von ihr abwenden muss und ihn auf dich richte, sodass mir das tragische Ereignis nicht direkt, sondern durch dich widerfährt. Durch die Reaktion in deinem Gesicht, dessen Züge dir kurz entgleiten, sich jedoch sofort wieder ordnen, weil du mich zu beschützen versuchst. Deutlich spüre ich, wie du mich heftig an dich drückst und meine Augen mit deiner Hand bedeckst. Ich halte dieses Gefühl fest, weil die Vorstellung allein doch ausreichen muss. Sie würde es sicherlich auch, wäre da nicht diese Scham in mir, dass mein Verlangen nach dir als mein Sicherheitsnetz so groß ist, dass ich auf Tragödien hoffen muss, um es zu befriedigen. Und so kehre ich mit schlechtem Gewissen in die Wirklichkeit der verdunkelten Manege zurück.
 
 Es ist doch erstaunlich, dass in so einer Situation niemand die Nerven verliert. Niemand rührt sich vom Fleck und auch die Ponys stehen still, während sich der Clown für den technischen Defekt entschuldigt. Er verpackt das Malheur in einen misslungenen Witz, wird aber zu seinem Glück von der kugeligen Frau, die vor der Vorstellung die Zuckerwatte auf die Stäbe geschleudert hat, unterbrochen, weil sie mit Taschenlampe und Hammer durch die Manege läuft und sich ächzend unter die Tribüne zwängt. Laut schlägt Metall auf Metall, die Frau flucht in einer fremden Sprache. Trotzdem ändert sich nichts. 

Alle harren geduldig auf ihren Plätzen aus. Ich wundere mich, dass auch ich ganz ruhig bleibe, obwohl es mir schwer fällt, ohne Licht die Fassung zu bewahren. Vielleicht aber geht es allen so und sie reißen sich nur zusammen, um nicht die Spannung zu verlieren, den Zirkuszauber, den man sich hier ohnehin mühsam einreden muss. Oder aber niemand wagt es aufzustehen, denn es gibt keine dieser sonst allgegenwärtigen Notausgangsschilder, sodass auch ich die Orientierung vollends verloren habe und mir nicht mehr sicher bin, wo kurz zuvor eine Seiltänzerin, ein Mädchen mit Feuer-Hula-Hoop, und noch früher ein Taubenkarussell ihre Kunststücke dargeboten haben. Ich bin mir auf einmal nicht einmal mehr sicher, ob überhaupt irgendwann etwas da gewesen ist und sogar die Illusion, dass ich irgendwo tief in mir drinnen immer noch das Kind von früher bin, ist jetzt schwarz übermalt. 

 

Die Zeit zerrt an der Dunkelheit und verwandelt sie langsam in ein Graublau, in dem die Shetlandponys zu erahnen sind. Deutlich nehme ich auch die zwei Köpfe der Nachbarskinder zwischen uns wahr, die du als unsere Attrappenkinder mitgebracht hast, weil es dir undenkbar schien, als erwachsenes Paar in den Zirkus zu gehen. Perplex hast du mir erzählt, dass die Kinder sich nur zu einem kostenlosen Zirkusbesuch überreden hätten lassen, nachdem du ihnen so viele Süßigkeiten versprochen hast, wie sie essen können. So sitzen dieser Junge und dieses Mädchen nun also zwischen uns und tasten blind nach ihren offenen Säckchen mit Gummizeug, gebrannten Mandeln und Popcorn. Nur die Zuckerwatten, die sie immer noch fest in der Hand halten, sind ihnen nicht verloren gegangen. 

Ich muss lachen bei dem Gedanken daran, wie ungünstig es wäre, wenn die zwei Kinder den Stromausfall nützen würden, um zu fliehen. Du und ich, wir wären beide unfähig, die zwei wiederzufinden. Nicht einmal suchen könnten wir sie, geschweige denn rufen. Zumindest ich weiß nicht, wie sie heißen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass du dich auch nicht dafür interessiert hast. Um mein Auflachen zu überspielen, frage ich so einfühlsam wie möglich, ob alles in Ordnung sei. „Bei euch zwei Großen“, füge ich mit Nachdruck hinzu. Statt einer Antwort höre ich, wie das Mädchen neben mir in ihre Zuckerwatte beißt. Ganz leise knistert es, während die Zuckerkristalle in ihrem Mund schmelzen. Sofort habe ich einen süßlich stechenden Geschmack auf der Zunge, ein fast schmerzhafter Reiz durchdringt meinen Kopf, der nicht ohne Zutun einzudämmen ist. Ich stupse das Mädchen an, frage, ob ich bei ihrer Zuckerwatte kosten dürfe und kann erkennen, wie sie den großen Zuckerbausch weit von mir weghält. Ich kann diese Art von Egoismus noch gar nicht richtig fassen, da atmet es heiß gegen meine Wange und die Stimme des Jungen flüstert: „Fürchten sich die kleinen Pferdchen nicht?“ Während ich noch überlege, ob die Sorge berechtigt ist oder ob Ponys im Dunkeln sehen können, antwortest du bereits: „Nein, nur Menschen brauchen künstliches Licht. Ponys ist das egal.“ (...)

Christian Futscher

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ZU PLATT (aus: Schön und gut, Droschl, Graz, 2005)

 

 

Ein Ärschchen mit Öhrchen wird geboren in einem österreichischen Kaff weit draußen in der tiefen Provinz, in Glötsch.

Kaum kann er saufen, der Arsch mit Ohren, meint er: „Ein starker Arsch mit Ohren muss her!“ Denn was er so hört aus der Hauptstadt, das ist ihm gar nicht geheuer und auch zutiefst zuwider.

Der Name des Mannes ist Leopold Platt, Poldi genannt von seinen Freunden, von denen er gut ein Dutzend hat, nicht mitgezählt die Freundinnen, die nicht so zählen, weil es lauter Dreckenten sind, wie er gern sagt.

Dagegen Poldi und seine Freunde sind lauter stramme Burschen, die alle wissen, dass sie sie sind und wo der Bartl den Most holt.

In Glötsch ist immer etwas los: Unfälle, Schlägereien, Amokläufe, Selbstmorde, Prozessionen, Zeltfeste, Hochzeiten usw.

Die Dorfgemeinschaft ist intakt, wie gesagt wird, und wer nicht dazugehört, wird platt gemacht …

 

Genug zu Glötsch! Schon fast zuviel der Ehre für Platt und Co. Keine zehn Pferde bringen mich nach Glötsch hinein, schon bei der Durchreise sage ich dauernd: „Scheiße.“

 

 

 

 

DIE PROVINZ (aus: Ein gelungener Abend, Volk und Welt, Berlin, 1997 – vergriffen)

 

 

Kaum war Fridolin aus dem Hauseingang getreten, stellte sich ihm ein fremder Mann in den Weg und legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Der Mann war tipptopp gekleidet, roch intensiv nach Rasierwasser und sagte: „Kümmern Sie sich mehr um Ihre Frau!“

Fridolins Augenbrauen hoben sich, während der Mann fortfuhr: „Und weil wir gerade dabei sind – wann werden Sie endlich Ihren Rasen mähen?“

Fridolins Hals streckte sich. „Sobald ich Zeit dazu habe …“

„Sehr gut, ausgezeichnet, ich werde Sie beim Wort nehmen. Und vergessen Sie Ihre Frau nicht!“ Der Mann salutierte und ging im Eilschritt davon.

Fridolin schüttelte grinsend den Kopf. Er lebte erst seit kurzem in der Stadt, und zwar im dritten Stockwerk eines fünfstöckigen Hauses; außerdem war er, wie er in letzter Zeit gern behauptete, seit seiner Geburt schwul.

„Mäh“, machte er unwillkürlich, „mäh, mäh …“, worauf ihm ein Passant auf der anderen Straßenseite den Vogel zeigte.

„Geil!“, rief Fridolin, der nun nicht mehr daran zweifelte, dass es richtig gewesen war, seine langjährige Freundin in der Provinz zu verlassen und in die Hauptstadt zu ziehen.

 

Robert Kleindienst

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Abgestreifte Tage (aus: Zeit der Häutung 

edition laurin, Innsbruck 2019)

 

 

Salzburg hatte sie nach ihrem Jahr in der Stille mit einem Getöse empfangen, das wie ein heftiges Gewitter über sie hereinbrach. Kurz nach ihrer Ankunft umfing sie ein Durcheinander von Motorgeräuschen der Busse, Lastwagen, Autos, Militärjeeps, Motorräder, das Quietschen und Kreischen der Straßenbahn, Klackern der Kutschen, Klingeln von Fahrradglocken, Stimmen umherirrender Menschen, Marktschreier, Schwarzhändler, Bettler. Das Schlagen und Läuten zahlloser Kirchenglocken lieferte sich einen unerbittlichen Wettkampf mit dem Lärm von Werkzeugen und schwerem Gerät, das zum Abtransport des Bauschutts der von Fliegerbomben skelettierten oder gänzlich vernichteten Gebäude verwendet wurde, die immer noch als Narben an zahlreichen Stellen der Stadt prangten.

 

Als Ana dem Zug entstieg, wurde sie schlagartig in eine Welt katapultiert, die augenscheinlich noch nicht lange den Klauen des Krieges entkommen war. Wo ein überdimensioniertes Schild mit der Aufschrift Räder müssen rollen für den Sieg längst in Trümmer zerfallen war, noch wenige Monate zuvor ein Trichterfeld mit Schienenstücken, Weichenteilen und zerstörten Waggons den Verkehr gänzlich zum Erliegen gebracht hatte, war zumindest alles wieder so weit instandgesetzt, dass Züge ein- und ausfahren konnten. Männer in schmutzigen Gewändern, die Gesichter fahl und grau, lungerten auf den Bahnsteigen herum, musterten Ankommende, blickten müde zu Boden. Sie waren Teil derer, die als Entwurzelte im Meer der Nachkriegszeit trieben, wie loses Treibgut an Bahnhöfen angeschwemmt wurden. Es waren Verwundete, Verstümmelte, ehemalige Kriegsgefangene, Rückwanderer, befreite KZ-Häftlinge, Displaced Persons, die dort, wo sie blieben, um sich auszurasten von ihrer Odyssee, oft nicht mehr waren als geduldete Fremde.

 

Am Ende des Bahnsteigs befand sich eine kleine Ansammlung von Frauen und Männern mit erwartungsvollen Mienen. Sie schienen die Einfahrt eines Zuges mit Heimkehrern abzuwarten, in der Hoffnung, bald ihre Angehörigen in die Arme schließen zu können oder zumindest ein Lebenszeichen von ihnen zu erhalten. Einige hatten ihre Kinder mitgebracht, die herumliefen, lachten, Ventile in der angespannten Stimmung.

Ihr Blick blieb an zwei abgemagerten Buben hängen, die sich an eine zierliche Frau klammerten. Mit ihren stark geröteten Augen und eingefallenen Wangenknochen wirkten sie dem Tod näher als dem Leben, Kinder der Zeit, in der jede Kalorie auf die Goldwaage gelegt wurde. In unaufhaltsamen Wellen strömten in diesem Hungerjahr Menschen in die Stadt, suchten in Abbruchhäusern, Kellerlöchern oder Baracken Unterschlupf, ließen Salzburg einer eroberten Burg gleichen, deren Vorräte längst zur Neige gegangen war. Die Einwohner hatten die Schuldigen für das Elend rasch ausgemacht. Flüchtlinge und Überlebende der Vernichtungslager wurden bei Zuteilungen von Lebensmitteln bevorzugt, man beklagte, die Fremden würden fettgefüttert, während die eigenen Kinder kläglich verhungerten.


Anna Nindl

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Stadt / Land (unveröffentlicht)

 

Im Rucksack habe ich neben all den anderen Dingen selbstgemachtes Müsli, ein Marmeladenglas und frisches Gemüse. Kurz vor der Abfahrt noch schnell oben reingepackt. Im Zug sein ist immer ein Dazwischen-Sein. Vorgenommene Arbeiten werden fast nie erledigt, da die Gedanken hängen bleiben. Gegenüber oder neben mir sitzt fast immer eine Gruppe mittelalter Frauen mit Sekt und Gelächter. Sie fahren in die Stadt und schauen sich ein Musical an. „Auf den Mädlsausflug!“ sagen sie, wenn sie anstoßen. Eine meiner größten Erkenntnisse - scheinbar niemand in der Stadt kommt auf die Idee ins Musical zu gehen. Die Plätze sind für eben diese Ausflüglerinnen reserviert oder für das Abendprogramm von Familien, die so jemanden wie mich in der Stadt besuchen. 

 

Am U-Bahn-Steig geschieht dann der Szenenwechsel endgültig. Die Abwesenheit von Begrüßungen und Wie-nett-das-Wetter-ist- oder Bist-auch-wieder-mal-daheim-Floskeln klingt noch kurz nach. Die ersten Stationen schaue ich Mitfahrende noch direkt an, aber bald bin ich in der Anonymität wieder ganz angekommen. 

 

Ich schicke ein Foto, dass ich Müsli jetzt auch selber mache und den ersten Salat am Balkon anpflanze. Nachdem ich vorher zwei Mal anrufe und frage, wie genau ich es machen soll. Auch meine Freundinnen rufen bei den Eltern oder Großeltern an, für ein Rezept oder für eine Anleitung, wie der Wasserhahn repariert gehört. Im Umkehrschluss erhalten wir Anrufe um Freuden und Konflikte des Familienlebens anzuhören oder auch um Meinungen zu politischen Ereignissen zu bejahen. 

 

Wir erzählen gerne davon, wo und wie wir aufgewachsen sind. Wir finden uns in den Berichten der anderen wieder: Einfamilienhäuser, Skiausrüstungen im Keller und Ministrantinnen-Vergangenheiten. Außerdem fürsorgliche und mehrfachbelastete Hausfrauenmütter, die Kindergärtnerinnen, Altenpflegerinnen oder Krankenpflegerinnen sind und in der Dorfgemeinschaft angesehene Väter, die stets schwanken zwischen Auf-uns-stolz-sein und uns erinnern, dass wir die wahre Realität noch nicht kennen, sowie Geschwister und Cousinen, die sich von der elterlichen Obhut direkt in selbstgebaute Einfamilienhäuser begeben. 

Wir teilen dann auch gerne Geschichten von festgefahrenen Strukturen und Rollenbildern, nicht-tolerierten Vegetarismus oder Veganismus und starrer Arbeitsmoral. Wir reden dann vom Ausbruch daraus und Reflexion darüber, wie uns das noch immer prägt. 

 

Manchmal wehren wir uns gegen Pauschalisierungen wie auch Idealisierungen des Dorflebens. Unsere Kritik schlägt schnell um in Verteidigung, wenn Abschätziges aus anderen Mündern kommt. So sehr sich die Grenze zwischen Stadt und Land durch unser Leben zieht, wollen wir wohl irgendwie selber der Beweis sein, dass es sie nicht gibt. 

Petra Piuk

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3. Eine heile Welt (aus: Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman. Roman. Kremayr&Scheriau 2017) 

 

3.1. Vorbemerkung

 

Im Heimatroman ist die Welt noch in Ordnung. Daher spielt der Heimatroman in einem Dorf, in dem die Welt noch in Ordnung ist: In Schöngraben an der Rauscher. Hören Sie die Rauscher plätschern? Die Kirchenglocken läuten? Den Hahn krähen? Dann sind Sie hier richtig. 

 

3.2. Ein Spaziergang durch Schöngraben an der Rauscher 

 

Herzlich Willkommen. Grüß Gott. Kein Eingang. Eingang um die Ecke. Gerne verwöhnen wir Sie kulinarisch. Montag Ruhetag. Dienstag Ruhetag. Donnerstag Ruhetag. Heute geschlossen. Wir wollen hier nichts kaufen und nichts spenden. Haus zu verkaufen. Lokal zu verkaufen. Echtes Kernöl zu verkaufen. Typisch österreichische Kost. Für den kleinen Hunger. Schweinsbraten. Zigeunerschnitzel. Spinatknödel mit brauner Butter. Nach alten Rezepten. Kundeninformation. Unser Garten ist kein Hundeklo. Kommen Sie wieder. Beste Unterhaltung garantiert. Singkreis. Volksmusikabend. Bauernschnapsen. Eröffnungsschießen. Katholischer Frauenverein. Laufhaus täglich ab 11:00 Uhr. Achtung. Raum wird videoüberwacht. Hier wache ich. Pflichtgetreuer Hund! Betreten verboten. Parken verboten. Plakatieren verboten. Umherlaufen, spielen und lärmen verboten. Aufenthalt verboten. Dein Wille geschehe. Grenzweg. Vorsicht Lebensgefahr! Erfahrung und Verlässlichkeit. Den toten Helden der Gemeinde. Jetzt ist der Tag der Rettung. SOS-Notruf. Außer Betrieb. Notausgang. Behördlich versiegelt. Missbrauch wird gesetzlich bestraft. Gashaupthahn. Qualitätswerkzeuge made in Austria. Mehr geht echt nicht. Eltern haften für ihre Kinder. Hier ist das Lächeln zu Hause. Auf Wiedersehen.

Jakob Pretterhofer

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Lainz (Auszug, unveröffentlicht)

 

Nach dem Essen machte sie trotz ihrer Schmerzen ein paar Schritte im Park zwischen den Pavillons des Krankenhauses. Die frische Luft tat ihr gut. Sie setzte sich neben einem Mann, der eine großformatige Zeitung las, auf die Bank, das dünne Zeitungspapier flatterte im Wind. Sie genoss die Sonnenstrahlen. Vielleicht waren es die letzten dieses Jahres, bevor es für Monate wieder finster und bedrückend wurde. Winter in der Stadt, das war auch so etwas, was sie hasste.

Sie war seit über zwanzig Jahren nicht mehr im Winter zuhause gewesen. Sie nannte es 'zuhause', obwohl sie sich dort, in dem hügeligen Ödland, nie so gefühlt hatte. Aber so düster wie in Wien war es weder in ihrem Heimatdorf noch in Maribor, wo sie eine Zeit lang gearbeitet hatte, jemals gewesen. Alle paar Jahre schaffte sie es, im Sommer ihren Bruder zu besuchen. Von einer Idylle war der Ort weit entfernt, auch wenn die zwanzig Jahre seit ihrer Flucht die Erinnerungen an den Ort ein wenig verklärt hatten. Die Nachbarn waren in ihrer Vorstellung sanfter und weniger verhärmt, die Teller üppiger gefüllt, das Miteinander respektvoller und fröhlicher. Sie war aber weniger vor dem Ort als vor ihrem eifersüchtigen Mann geflohen. Der hatte ihr mehrmals damit gedroht, sie zu erschlagen oder zu erwürgen. Wenn er nur bemerkte, wie sie einen anderen Mann ansah, und sei es einen alten, knorrigen Bauern, der ihr zwei Eier schenkte, und sie zum Dank nickte und schüchtern lächelte, packte er sie schon an den Schultern und warf sie zu Boden. 

Und dann diese Aussichtslosigkeit. Nachdem ihre Mutter und ihr Vater, den sie monatelang gepflegt hatte, gestorben waren, hatte sie bloß ein sich schief gegen den Hang lehnendes Bauernhaus mit Lehmboden, zwei Kühne, zwei Schweine, einige Hühner und Hasen und ein paar Quadratmeter staubiger Erde geerbt.

Sie war schon völlig erschöpft, neben der Arbeit im Heim hatte sie noch ihren Vater versorgt, ihn täglich gefüttert, gewaschen und hin und her gedreht, damit er sich nicht wundlag. Sie hatte ihm auch vorgelesen und vorgesungen. Sie hatte es gerne gemacht. Nie hätte sie sich beschwert. Ihr Vater war ein guter Mensch gewesen, er hatte es verdient, so umsorgt zu werden. Für ihre Phantasien, wo anders hinzugehen und dort noch einmal von vorne zu beginnen, hatte sie sich geschämt. Sie erzählte niemandem davon, aber die Bilder von einem Neubeginn, von einer Zukunft in einem anderen Land, hatte sie schon damals. Als sie schwanger wurde, hatte sie gedacht, damit wäre es mit diesen Träumereien vorbei, aber die Bilder verschwanden nicht.

Robert Prosser

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Fremdes Land, fremde Stadt (aus: Beirut im Sommer. Journal. Klever Verlag, 2020) 

 

            Gebüsch hängt über den Metallzaun eines Parks, schwere, rosa Blüten, in deren Schatten alte Männer Sonnenblumenkerne knacken. Von Schatten zu Schatten der Sonne ausweichend gelangen wir zu einem Checkpoint. Betonsperren, Stacheldraht, Sandsäcke, Soldaten winken Autos und Fußgänger durch. Auf der Mauer des nächsten Gebäudes prangt ein riesiges Gemälde, Yassir Arafat vor dem Felsendom Jerusalems. Das Porträt wirkt als eindeutiges, unübersehbares Signal. Hier beginnt das Areal der Palästinenser. Beidseits der Straße ein Friedhof, jener zur Linken ist den Märtyrern vorbehalten. Eingefasst von hohen, aus Wellblech zusammengeschweißten Wänden ein Schrottplatz, in der Hand eines Mechanikers blitzt im rußigen Verschlag die blaue Flamme des Schweißgeräts. 

            Wir umrunden einen Wohnblock, unweit einer Moschee beginnt die von Schlaglöchern übersäte, von Ziegen und Schafen belagerte Hauptstraße Shatilas. Über den Kreuzungen spannt sich ein Gewirr an Stromkabeln, zwischen den Häusern hängen Banner politischer Fraktionen oder von den vergangenen Ramadan-Feierlichkeiten gebliebene Fähnchen. Manchmal, ohne dass sich die Quelle ausmachen ließe, wallt Gestank auf, der mir den Magen umdreht. 1948 gegründet, um 3000 palästinensischen Flüchtlingen eine Bleibe zu schaffen, ist Shatila mittlerweile zu einem der ärmlichsten Wohnviertel Beiruts herangewachsen, dessen unterste Hierarchiestufe von syrischen Flüchtlingen besetzt wird. 1982 wurde es zum Schauplatz des berüchtigtsten Massakers des libanesischen Bürgerkrieges: Die maronitisch-katholische Phalangisten-Miliz drang, abgeschirmt von der israelischen Armee, in die beiden Camps Sabra und Shatila ein und tötete innerhalb dreier Tage mehrere hunderte (oder je nach Quelle tausende) Zivilisten. Es sei ein Markt für billige Waren, unbrauchbares Zeug en masse, so der Konsens der Bewertungen auf Yelp, man gehe besser nicht in die Seitengassen, wo man mit einer Klinge an der Kehle ausgeraubt werde, zwei von fünf Sternen. Auf etwa einem Quadratkilometer leben geschätzt 40000 Menschen. Voriges Jahr strichen die USA ihre bisherige Unterstützung für palästinensische Lager, der UNRWA brach somit eine der maßgeblichen finanziellen Hilfen weg. Erst wurde die Müllabfuhr eingespart, die Kanalisation funktioniert nicht mehr, mit dem Wasser, das aus den Leitungen kommt, wäscht man sich besser nicht das Gesicht.

 

            In den Gassen abseits der Hauptstraße reihen sich Kioske, Werkstätten, Cafés. An den Wänden Abbilder von Märtyrern, die für die PLO oder die Fatah gefallen sind, eines zeigt einen grinsenden Jungen auf einem Sofa, in den Händen ein goldenes Maschinengewehr. Wider Erwarten erinnert nichts an das Verbrechen von 1982; irgendwo, erfahren wir von einem Jungen, müsste es ein Monument geben, anscheinend in einem Innenhof nahe des Marktes. Einige Plakate werben darum, sich dem bewaffneten Kampf gegen Israel anzuschließen, der Großteil zeigt Yassir Arafat. Bei der Hisbollah ist es Nasrallah, dessen Gesicht man nicht entfliehen kann, Shatila dagegen gehört dem 2004 verstorbenen PLO-Führer. Lächelnd oder skandierend, um den Kopf das ikonische, schwarz-weiß gemusterte Kufiyeh-Tuch. Beinah ebenso häufig sehen wir Kalaschnikows, gemalt an den Wänden oder als Spielzeug am Markt. Uns kommen Typen entgegen, die wie das Klischee eines abgebrühten Veteranen wirken: vernarbte Gesichter, militärisch aufrechte Haltung, sie werden von den Verkäufern gegrüßt, junge Kerle mit Baseballcap und Muskelshirt schwänzeln ihnen nach. Falafel kosten 1000 LP, ein Kaffee 500 LP, umgerechnet 60, bzw. 30 Cent. Die Preise geben Auskunft, in welcher der vielen Welten Beiruts man sich befindet. In der Nähe unserer Unterkunft liegt beispielsweise die Ausgehmeile Badaaro. Dort kostet ein Espresso 3250 LP, das Bier 11000 LP, ein Sandwich 15000 LP – 2 oder 6,50 oder 9 Euro. Ein altes Pärchen wankt durch eine Gasse, mit einer Hand hält der Mann einen Infusionsbeutel hoch, gelbliche Flüssigkeit rinnt durch einen Schlauch in den Arm der Frau. Der Weg endet im Schatten verwinkelter Hausmauern, vor einer rostigen Tür scharrt ein angepflockter Hammel in der festgetretenen Erde.

 

            Als ich mit einer hier ansässigen NGO telefonierte, sagte man, dass wir eine Genehmigung bräuchten, auf keinen Fall dürfte man unbegleitet nach Shatila. Diese Weisung scheint übertrieben. Shatila ist aufgekratzt, heiß und staubig. Westafrikanische Mädchen in Hotpants, halbnackte Kinder, die von ihren in Tschador gekleideten Müttern in Hauseingänge gezerrt werden. Bärtige Männer mit dem dunklen Mal des Gebetssteinchens auf der Stirn, Teenager auf der Suche nach Hasch oder Liebe, Schlitzohren, bereit für einen schnellen Dollar: Der Alltag zeigt sich lebendiger als das touristische Gebahren an der Corniche. Auch hier scheint ein ständiges Flanieren stattzufinden, Sehen-und-Gesehen-werden, doch wirkt es aufregender als die überteuerte Variante an der Meeresküste. An der Moschee vorbei gelangen wir zu einem Markt. Gemüsestände und Metzger, auf Tischen bleiche Organe, von blauen Adern durchzogen, wie emailliert. Wir brauchen mehr Zeit, sagt Leo, wir dürfen uns nicht nur treiben lassen. Doch gibt es keine andere Option, als in Bewegung zu bleiben, anders können wir mit diesem Ort nicht fertig werden. Heute wollen wir kreuz und quer wandern, das nächste Mal aber werden wir uns auf Details konzentrieren. In den Gassen verweilen, in einem Café sitzen, um mit den Menschen aus Syrien, Palästina, Äthiopien und den Philippinen ins Gespräch zu kommen. Das Konterfei Arafats, der Markt, die schimmernden Organe, aus all dem ließen sich Serien fertigen, Fotos der Märtyrer und der dunklen Aufgänge in die Wohnbauten. Die Wassertanks auf den Dächern. Die Tiere.

Elisabeth Steinkellner

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Auszug aus: Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen (Beltz&Gelberg, Weinheim, 2018)


Wenn die Frau mit dem grauen Mantel sich in den nächsten zwanzig Sekunden umdreht und eine Brille trägt, werde ich ihm heute begegnen.

Er wird in einem Café sitzen, alleine, am kleinsten Tisch im ganzen Lokal, einem Tisch in einer Fensternische. Das letzte Licht des Tages wird durch die Scheibe fallen, ein Licht, das nicht zum Lesen taugt, deshalb wird die kleine Tischlampe dafür sorgen, Helligkeit zu streuen, gerade genug, um über die Seite des Buches zu reichen, in dem er gerade liest.

Es wird eine von Shakespeares späten Tragödien sein. 

Es wird der dritte Band eines Future-Fiction-Wälzers sein.

Es wird ein Buch über die schönsten Tauchparadiese der Welt sein.

Den Ellenbogen auf die Tischplatte aufgestützt, den Kopf in eine Hand gelegt, die andere Hand flach über die Buchseiten ausgestreckt. Ein schmaler silberner Ring wird an seinem Daumen stecken.

Mit der Ringhand wird er sich flüchtig eine Haarsträhne hinters Ohr streichen, obwohl das gar nicht notwendig wäre, weil ihm die Strähne ohnehin im nächsten Moment schon wieder in die Stirn fallen wird, aber im Moment des Zurückstreichens wird er kurz hochsehen, ohne bestimmte Absicht, einfach ziellos zum Fenster hinaus.

Und genau in dem Moment werde ich draußen vorübergehen.

Er wird zwei, drei Sekunden brauchen, um mit seinen Gedanken den Sprung von seiner Lektüre weg ins Hier und Jetzt zu schaffen. Den Sprung zu mir.

Aber dann wird er denken: Moment mal, das ist doch ... Und wird kurz zögern, weil er sich nicht sicher ist, wird schnell die Stirn an die Scheibe und die Hände rund um sein Gesicht legen, um die Helligkeit der Tischlampe abzuschirmen und mich, draußen im fahlen Dämmerlicht, dadurch besser erkennen zu können. Wird sich aber immer noch nicht sicher sein. Und trotzdem klopfen. Von innen an die Scheibe.

Und ich werde das Klopfen hören. Es heraushören aus den Geräuschen um mich herum, heraushören aus den Gesprächen und den Automotoren, aus dem Piepen der Supermarktkassen hinter den sich ständig auf- und zuschiebenden Türen, aus dem Poltern ins Schloss fallender Eingangstore und dem Quietschen von Fahrradbremsen. Und obwohl ich nicht wissen werde, ob das Klopfen mir gilt, werde ich stehen bleiben und mit den Augen dem Geräusch folgen, werde dabei über die Schulter nach hinten sehen müssen, hin zu einem Fenster, hinter dem jemand winkt.

Paulus.

 

Die Stadt ist grau.

Die Häuser sind grau, der Himmel ist grau.

Ich sehe zu meinen Füßen hinunter und zähle die Schritte. Eins, zwei, drei, vier ... fünfundsechzig ... einhundertzwölf ... 

Ich steige über Zigarettenstummel und Hundekacke hinweg, über eine leere Energydrink-Dose und einen Haargummi, über einen Parkschein und einen zerschlissenen Kinderhandschuh, aus dem das weiße Innenfutter quillt. Als ich wieder hochsehe, ist alles immer noch genauso grau wie vorher.

 

»Mann, was ist eigentlich los mit dir?«, hat Lenz gefragt. Das war vor drei Tagen, als ich mein Zeugnis in die Hand gedrückt bekommen habe und einfach keine Lust hatte, auch nur einen einzigen Blick draufzuwerfen. Weil es mich nicht interessiert hat, einfach absolut nicht interessiert. Also hat Lenz mir meine Noten vorgelesen. Die waren durchschnittlich, glaube ich, aber ich habe gar nicht richtig zugehört. Dann hat Lenz gefragt, ob ich am nächsten Tag zu einer Party mitkommen würde. Ich habe mit den Schultern gezuckt und ins Nichts geschaut. Und da hat er es gesagt: »Mann, was ist eigentlich los mit dir?« Und ich hätte ihm keine Antwort geben können. Selbst wenn ich gewollt hätte.

 

Was ist los mit dir, wenn du keine Ahnung hast, wer du bist oder sein möchtest, welche Zukunftspläne du hast oder was du dir wünschen würdest, käme die berühmte gute Fee vorbei.

Wenn alle um dich herum reden und du die meiste Zeit schweigst, fast so, als würdest du gar nicht ihre Sprache sprechen. 

Wenn in deinem Kopf der Film ganz anders läuft, an anderen Schauplätzen und mit anderen Dialogen. Die sich richtiger anfühlen. Richtiger als: dich jedes Wochenende in der einzigen Bar im Umkreis von zwanzig Kilometern zu besaufen und dann am Montag in der Schule von nichts anderem zu reden als davon, wie bedient du warst, mit wem du herumgemacht hast und wen du eigentlich gern flachgelegt hättest.

Wenn du viel lieber mit jemandem ans Meer fahren würdest, zum Tauchen vielleicht, um danach am Strand zu sitzen und nichts weiter zu tun, als den sich brechenden Wellen zuzuhören.

Wenn du an den meisten Tagen das Gefühl hast, aus der Zeit gefallen zu sein oder von einem anderen Planeten zu kommen und ein Gehirn zu besitzen, das in jeder Hinsicht anders programmiert ist als das derjenigen, die du kennst.

Erklär das mal jemandem: das Gefühl, ständig an deinem Leben vorbeizuleben, weil der Film einfach nicht stimmt. Das Gefühl, die meiste Zeit konturlos zu sein, wie Nebelschwaden. Oder Dunst.

Magda Woitzuck

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Von einem Ende (Auszug, unveröffentlicht) 

Ich nahm Elsa mit nach Graz zum Konzert eines Freundes, es war nichts großartiges, ein kleiner Gig vor ein paar Dutzend Leuten in einem dieser Kellerlokale. Ich musste sie mitnehmen, sie war überraschend eine Woche früher aus Hamburg gekommen als ich erwartet hatte. Wir waren an einem Punkt in unserer Beziehung angekommen, an dem man weiß, dass man irgendwann, vor gar nicht allzu langer Zeit, aber dennoch unwiderruflich den point of no return passiert hatte und es eigentlich ein langsames, leises Sterben war, welchem ich beiwohnen durfte, von dem sie aber – obwohl sie es irgendwo in ihren Eingeweiden arbeiten hörte – nichts wissen wollte. 

Ich hatte sie ein paar Stunden zuvor vom Bahnhof abgeholt und war sehr spät dran gewesen. Sie hatte auf ihrem kleinen Köfferchen am Bahnsteig gesessen, in ihren langen, übergroßen, grauen Mantel gewickelt, den sie mit einem dazu passenden Gürtel knapp oberhalb der Taille mit einer Schleife zu schließen pflegte. Sie trug ihren komischen schwarzen Schlapphut, blätterte in einer dieser linken Kunstzeitschriften, die auf diesem grauen Papier gedruckt werden und zog ein langes Gesicht – das ganze Bild passte ausgezeichnet zum Wetter: ein grauer, bleierner Himmel der jeden Moment Regen versprach. 
„Wo warst Du?“, sagte sie zur Begrüßung und es klang nur ein bisschen vorwurfsvoll. Sie war keine aufbrausende Natur. 
„Stau“, log ich, „Stau überall.“ 
Dann nahm ich ihren Koffer, brachte sie zu meinem Auto, im Anschluss daran in meine Wohnung, wo ich sie, gleich nachdem die Tür hinter uns zugefallen war und sie sich den Hut mit einer langen, schweifenden Bewegung vom Kopf gezogen hatte, von hinten umarmte, sie geübt von ihren Kleidern befreite während ich sie zum Bett schob und sie dort vögelte, so wie man sich einen Keks aus einer Packung nimmt oder ein Buch aus dem Regal – ohne großartige Aufregung. 

„Das war jetzt aber nicht die feine Art“, sagte sie in einem Tonfall, mit dem sie gleichzeitig keck, befriedigt und selbstbewusst wirken wollte, was ihr aber nicht gelang. Sie klang wie jemand, der etwas spürte, was er nicht akzeptieren wollte. Ich rollte mich von ihr, setzte mich mit dem Rücken zu ihr auf die Bettkante und steckte mir eine der lose herumliegenden Marlboros auf dem Nachtkästchen an. 
„Hat dir doch gefallen“, sagte ich und blies Rauch aus.
„Ja“, sagte sie, „Das hat es wohl.“ 
Ich konnte spüren, wie sie sich einen der Polster hinter ihren Schultern zurechtstopfte, damit sie es bequemer hatte. Ich brauchte mich auch nicht umdrehen um zu wissen wie sie in jenem Moment aussah. Wir kannten uns zwar noch nicht lange, aber dafür hatte es gereicht. 
„Wir fahren heute Abend nach Graz“, sagte ich. 
„Okay“, sagte sie nur, „Okay. Wie du willst.“ 
Ich ging duschen. 

Einige Stunden später setzten wir uns ins Auto und fuhren los. Es hatte immer wieder angefangen, aufgehört und wieder angefangen zu regnen, dazu kam diese feuchte Kälte, die die unangenehme Angewohnheit hatte, in die Glieder zu kriechen und sich dort wohnlich einzurichten. Ich war schweigsam an jenem Tag und sie war es auch, also ließen wir das Radio laufen, die Hitparade rauf und runter, ein öder Song nach dem anderen, sie konnte bei jedem mindestens zwei Zeilen mitsingen und den Rest der Melodie pfeifen. Sie war einfacher gestrickt, als sie es jemals erahnt hätte, und sie würde vermutlich nie wissen, wie einfach sie tatsächlich war – trotz der Mühe, die sie sich gab interessant und aufregend, gleichzeitig offen und zurückhaltend zu sein, trotz der auffälligen Kleidung, dem Hamburger Mundwerk und ihren eigenartig scharlachroten Haaren. Ich hatte das nicht nach und nach erfahren, ich hatte es gleich an dem Abend unseres Kennenlernens gewusst. Diese Einfachheit, die ihr innewohnte, die war es, die mich anzog, angezogen hatte. Die Fähigkeit, die einfachen Dinge zu erkennen und in dem ganzen Pfuhl der Nebensächlichkeiten die Wichtigen zu sehen – so etwas konnte sie gut.
(...)

Dieses Projekt wurde gefördert durch ein KEP-Arbeitsstipendium des Landes Salzburg