Im Kopf hat die Provinz nichts verloren

Hier finden Sie Texte von Autorinnen und Autoren, die bei "Literatur findet Land" zu Gast waren bzw. sein werden.

Erwin Einzinger

Created with Sketch.

Vom Erlebnisbauernhof zur Hardrockkneipe (2020, unveröffentlicht)


 

Zwei scharlachrote Hubschrauber über der Stadt – und 

Hinter einem eingestaubten Fenster sieht man eine alte hand= 

Bemalte Puppenküche, die jemand irgendwann am 

Dachboden eines Erlebnisbauernhofs gefunden und dann einem 

Ramschhändler verscherbelt hat. Im Persianermantel ihrer 

Oma eilt die Wirtschaftswissenschaftsstudentin Laura 

Zum Gemüsemarkt. Zeitmanagement. Börsendynamik. Zins= 

Verfall. Ständig tun sich Randgebiete auf, die sich ver= 

Zweigen und in irgendeinem Dickicht enden wie diverse 

Falldarstellungen und das dazugehörige Geplapper. 

Der junge Mario de Gaspari kommt frisch vom Müllsortierer= 

Kurs und gönnt sich eine warme Mohnkrone. Seine 

Halbschwester Lamberta arbeitet als Praktikantin im Turiner 

Sanitärwarenkonzern und zeichnet in der Freizeit Comics. 

Alle paar Wochen ändert sich jetzt der Bezugsrahmen 

Für eine Welt, deren Konturen ineinanderfließen. 

Ein Bergamasker Bio-Küchenguru legt sich halb im Spaß 

Mit einer resoluten Fernsehköchin an, die sich 

Sofort beleidigt fühlt und ihre Stacheln ausfährt. 

Die Tochter eines überaus beliebten Krimiserienschreibers will 

Laut Zeitungsinterview im Herbst mit ihrem Künstler= 

Freund durch die Ägäis schippern, und die neue 

Pächterin des Strickwarengeschäfts am Corso, eine sanfte 

Frau mit einer Papua-Frisur, lehnt an der Leichtmetall= 

Stehleiter und amüsiert sich sichtlich über eine Kundin, deren 

Alltag sich angeblich weitgehend an Daten aus dem 

Internationalen Rockkonzertkalender orientiert.

Irmgard Fuchs

Created with Sketch.

Kleine Lastentiere (Auszug aus: Wir zerschneiden die Schwerkraft, Kremayr & Scheriau, Wien, 2015) 

In meinem Kopf sage ich es mir vor: Ich liebe den Zirkus. Ich liebe den Zirkus, das Rattern des Stromgenerators und den Geruch nach Sägemehl. Ebenso wie die Zuckerwatte, die ich liebe, sofern sie weiß ist. Rosa geht auch, hellblau nicht. Dafür liebe ich aber den Blaustich der Energiesparlampen, die aufgeregt zu flackern beginnen, sobald der Zirkusdirektor spricht. „Der Zirkus ist nur so gut wie seine Zukunft“ ruft er ins Mikrofon und meint damit den Auftritt seiner achtjährigen Tochter, die kurz zuvor einen brennenden Hula-Hoop-Reifen um sich kreisen ließ. Gerade kann ich aber auch dafür Liebe aufbringen, nicht zuletzt, weil man aus Liebe alles besser erträgt. Und da, endlich, kündigt der Zirkusdirektor die einmaligen Künste der Seiltänzerin an, die sich allerdings als nicht mehr ganz schlanke, mittelalte Frau entpuppt. Ohne großen körperlichen Einsatz balanciert sie über ein viel zu niedrig gespanntes Seil und langweilt sich dabei recht offensichtlich. 

 

Gegen das Tatsächliche behaupte ich umso vehementer meine unerschütterliche Liebe: zum Zirkus und vor allem zum Leben, das eben manchmal anders ist, als man es sich ausgedacht hat. Dabei hatte ich es mir bis ins kleinste Detail vorgestellt, wie die Seiltänzerin mit ihrem fragilen Körper hoch oben in der Zirkuskuppel am unsichtbaren Seil schwebt. Sogar die Füße der Artistin hatte ich vor mir gesehen, wie sie vorsichtig über das Seil gleiten, als könnten sie den Abgrund unter sich spüren. Genau auf der Hälfte der Strecke war in meiner Vorstellung schließlich alles ins Schwanken geraten und ich hatte mir ein fatales Unglück erwartet. Eines, das erst im allerletzten Moment abgewendet werden hätte können. Ganz insgeheim hatte ich vielleicht sogar auf einen Sturz gehofft. 

 

Doch nichts passiert, das Publikum applaudiert, das blaue Licht tanzt dazu. Aus den kratzenden Lautsprechern, die die Zirkuskapelle ersetzen, ist ein Tusch zu hören, und die Seiltänzerin wird vom Clown abgelöst und ist gerettet. Breitbeinig steht er auf dem Boden, der voller Sägespäne ist, und macht unpassende Witze über seinen offensichtlich echten Alkoholismus, bevor er seine kleinen Assistenten ankündigt: vier kurzhaarige Shetlandponys mit Kopfschmuck, die in die Manege geführt werden. In diesem Augenblick stockt jedoch das Geräusch des Generators und es ist schlagartig finster. 

 

Im Dunkeln lasse ich für einen Moment meine Vorsätze los: Ich liebe nichts. Stattdessen nütze ich die Gelegenheit und erlebe für mich allein, wie die Seiltänzerin hoch oben das Gleichgewicht verliert und ich erschrocken den Blick von ihr abwenden muss und ihn auf dich richte, sodass mir das tragische Ereignis nicht direkt, sondern durch dich widerfährt. Durch die Reaktion in deinem Gesicht, dessen Züge dir kurz entgleiten, sich jedoch sofort wieder ordnen, weil du mich zu beschützen versuchst. Deutlich spüre ich, wie du mich heftig an dich drückst und meine Augen mit deiner Hand bedeckst. Ich halte dieses Gefühl fest, weil die Vorstellung allein doch ausreichen muss. Sie würde es sicherlich auch, wäre da nicht diese Scham in mir, dass mein Verlangen nach dir als mein Sicherheitsnetz so groß ist, dass ich auf Tragödien hoffen muss, um es zu befriedigen. Und so kehre ich mit schlechtem Gewissen in die Wirklichkeit der verdunkelten Manege zurück.
 
 Es ist doch erstaunlich, dass in so einer Situation niemand die Nerven verliert. Niemand rührt sich vom Fleck und auch die Ponys stehen still, während sich der Clown für den technischen Defekt entschuldigt. Er verpackt das Malheur in einen misslungenen Witz, wird aber zu seinem Glück von der kugeligen Frau, die vor der Vorstellung die Zuckerwatte auf die Stäbe geschleudert hat, unterbrochen, weil sie mit Taschenlampe und Hammer durch die Manege läuft und sich ächzend unter die Tribüne zwängt. Laut schlägt Metall auf Metall, die Frau flucht in einer fremden Sprache. Trotzdem ändert sich nichts. 

Alle harren geduldig auf ihren Plätzen aus. Ich wundere mich, dass auch ich ganz ruhig bleibe, obwohl es mir schwer fällt, ohne Licht die Fassung zu bewahren. Vielleicht aber geht es allen so und sie reißen sich nur zusammen, um nicht die Spannung zu verlieren, den Zirkuszauber, den man sich hier ohnehin mühsam einreden muss. Oder aber niemand wagt es aufzustehen, denn es gibt keine dieser sonst allgegenwärtigen Notausgangsschilder, sodass auc