Magda Woitzuck: Von einem Ende (Auszug) 

Ich nahm Elsa mit nach Graz zum Konzert eines Freundes, es war nichts großartiges, ein kleiner Gig vor ein paar Dutzend Leuten in einem dieser Kellerlokale. Ich musste sie mitnehmen, sie war überraschend eine Woche früher aus Hamburg gekommen als ich erwartet hatte. Wir waren an einem Punkt in unserer Beziehung angekommen, an dem man weiß, dass man irgendwann, vor gar nicht allzu langer Zeit, aber dennoch unwiderruflich den point of no return passiert hatte und es eigentlich ein langsames, leises Sterben war, welchem ich beiwohnen durfte, von dem sie aber – obwohl sie es irgendwo in ihren Eingeweiden arbeiten hörte – nichts wissen wollte. 

Ich hatte sie ein paar Stunden zuvor vom Bahnhof abgeholt und war sehr spät dran gewesen. Sie hatte auf ihrem kleinen Köfferchen am Bahnsteig gesessen, in ihren langen, übergroßen, grauen Mantel gewickelt, den sie mit einem dazu passenden Gürtel knapp oberhalb der Taille mit einer Schleife zu schließen pflegte. Sie trug ihren komischen schwarzen Schlapphut, blätterte in einer dieser linken Kunstzeitschriften, die auf diesem grauen Papier gedruckt werden und zog ein langes Gesicht – das ganze Bild passte ausgezeichnet zum Wetter: ein grauer, bleierner Himmel der jeden Moment Regen versprach. 
„Wo warst Du?“, sagte sie zur Begrüßung und es klang nur ein bisschen vorwurfsvoll. Sie war keine aufbrausende Natur. 
„Stau“, log ich, „Stau überall.“ 
Dann nahm ich ihren Koffer, brachte sie zu meinem Auto, im Anschluss daran in meine Wohnung, wo ich sie, gleich nachdem die Tür hinter uns zugefallen war und sie sich den Hut mit einer langen, schweifenden Bewegung vom Kopf gezogen hatte, von hinten umarmte, sie geübt von ihren Kleidern befreite während ich sie zum Bett schob und sie dort vögelte, so wie man sich einen Keks aus einer Packung nimmt oder ein Buch aus dem Regal – ohne großartige Aufregung. 

„Das war jetzt aber nicht die feine Art“, sagte sie in einem Tonfall, mit dem sie gleichzeitig keck, befriedigt und selbstbewusst wirken wollte, was ihr aber nicht gelang. Sie klang wie jemand, der etwas spürte, was er nicht akzeptieren wollte. Ich rollte mich von ihr, setzte mich mit dem Rücken zu ihr auf die Bettkante und steckte mir eine der lose herumliegenden Marlboros auf dem Nachtkästchen an. 
„Hat dir doch gefallen“, sagte ich und blies Rauch aus.
„Ja“, sagte sie, „Das hat es wohl.“ 
Ich konnte spüren, wie sie sich einen der Polster hinter ihren Schultern zurechtstopfte, damit sie es bequemer hatte. Ich brauchte mich auch nicht umdrehen um zu wissen wie sie in jenem Moment aussah. Wir kannten uns zwar noch nicht lange, aber dafür hatte es gereicht. 
„Wir fahren heute Abend nach Graz“, sagte ich. 
„Okay“, sagte sie nur, „Okay. Wie du willst.“ 
Ich ging duschen. 

Einige Stunden später setzten wir uns ins Auto und fuhren los. Es hatte immer wieder angefangen, aufgehört und wieder angefangen zu regnen, dazu kam diese feuchte Kälte, die die unangenehme Angewohnheit hatte, in die Glieder zu kriechen und sich dort wohnlich einzurichten. Ich war schweigsam an jenem Tag und sie war es auch, also ließen wir das Radio laufen, die Hitparade rauf und runter, ein öder Song nach dem anderen, sie konnte bei jedem mindestens zwei Zeilen mitsingen und den Rest der Melodie pfeifen. Sie war einfacher gestrickt, als sie es jemals erahnt hätte, und sie würde vermutlich nie wissen, wie einfach sie tatsächlich war – trotz der Mühe, die sie sich gab interessant und aufregend, gleichzeitig offen und zurückhaltend zu sein, trotz der auffälligen Kleidung, dem Hamburger Mundwerk und ihren eigenartig scharlachroten Haaren. Ich hatte das nicht nach und nach erfahren, ich hatte es gleich an dem Abend unseres Kennenlernens gewusst. Diese Einfachheit, die ihr innewohnte, die war es, die mich anzog, angezogen hatte. Die Fähigkeit, die einfachen Dinge zu erkennen und in dem ganzen Pfuhl der Nebensächlichkeiten die Wichtigen zu sehen – so etwas konnte sie gut.
(...)


(Magda Woitzuck, Von einem Ende, unveröffentlicht)